Städtisches Gymnasium Ahlen

Schule im Herzen der Stadt

Auschwitz-Gedenken

vom 28.01.2019     Zivilcourage will „gelernt“ sein

 

Zeitzeugen, die an das Morden des Naziregimes erinnern, werden weniger. Deswegen wollen die Schüler des Städtischen Gymnasiums das übernehmen, wie sie bei der jährlichen Gedenkveranstaltung zur Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz erklärten.

Von Peter Schniederjürgen für die WN  / Fotos©Matt

Mit persönlichen Schilderungen ihrer Eindrücke beim Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz sorgten die „Krakaufahrer“ des Städtischen Gymnasiums am Montag für den Höhepunkt der jährlichen Gedenkveranstaltung zur Befreiung des Vernichtungslagers am 27. Januar 1945. Außerdem sprachen Schulleiter Meinolf Thiemann , Geschichtslehrer Dominik Gerwens , der die Fahrt nach Polen geleitet hatte, und der stellvertretende Bürgermeister Karl-Heinz Meiwes. Zuvor hatten Vertreter der Schüler und Lehrer einen Kranz am Mahnmal zwischen Schule und Rathaus am Bruno-Wagler-Weg niedergelegt.  

Ihren ersten Gedanken beim Erreichen des Eingangsblocks im Lager Auschwitz gab Laura Müller wieder. „Zunächst sah für mich alles ganz parkartig aus“, erinnerte sich die Schülerin. Das habe sich mit der Besichtigung der Unterkünfte geändert. Sie bekam eine Ahnung von der unmenschlichen Unterbringung der KZ-Insassen. Die Fotowände mit Bildern der Ermordeten und deren Lebensgeschichten gingen ihr unter die Haut

Nicht anders erging es Mitschülern Angelina Nickel. Auch sie trug ihre Erfahrungen während der Fahrt vor. Im Hintergrund waren Bilder von halbverhungerten Auswitzhäftlingen zu sehen. „Hier war wohl der Tod in der Gaskammer immer noch der humanste Tod, wenn es denn so etwas gibt“, meinte die junge Frau. Für sie und ihre Klassenkameraden bekamen die abstrakten Zahlen, bekam der Horror etwas erschreckend Reales. Jedem Schüler, so Angelina Nickel, sollte diese Reise ermöglicht werden. Auch Lehrer Dominik Gerwens betonte die Bedeutung dieser Form der Erinnerungsarbeit: „Jetzt, wo die Zeitzeugen immer weniger werden, müssen wir die Erinnerung wachhalten“, mahnte der Pädagoge.

Das war auch der Ansatz von Meinolf Thiemann. „Wie würde ich mich in einer solch extremen Situation verhalten?“, fragte sich der Schulleiter. Er nannte das Beispiel des Franziskanerpaters Maximilian Kolbe. Dieser hatte sich bereits 1941 gegen einen zum Tode verurteilten Familienvater austauschen lassen. Mit einer Giftspritze brachten die Nazis den Geistlichen, der von Papst Johannes Paul II. 1982 heilig gesprochen wurde, um. „Der Familienvater überlebte das KZ und starb 1995“, berichtete Thiemann. Wie aber gewinne man die nötige Stärke, um Zivilcourage zu zeigen? Für ihn sei klar, Erziehung und Bildung legten den Grundstein. „Darum steht auch eine Bildungseinrichtung in der zentralen Verantwortung“, führte der Direktor aus.

Die zunehmende Verrohung und Gleichgültigkeit gegenüber Menschen jüdischen Glaubens kritisierte Karl-Heinz Meiwes. „Als Antwort darauf bin ich froh, dass wir in Ahlen diese lebendige Erinnerungskultur pflegen und die Förderung der Demokratie so ernst nehmen“, hob der stellvertretende Bürgermeister in seiner Rede hervor. Angehörige von Minderheiten beanspruchten keine Sonderrolle, schon gar keine Opferrolle. „Was sie wollen, ist einfach akzeptiert zu sein, aber auf Augenhöhe“, erklärte Meiwes.

Zum Abschluss der Veranstaltung machten die Schüler, die nach Krakau gefahren waren, ein Foto, das zur Stellungnahme gegen Intoleranz und Antisemitismus in die sozialen Netzwerke eingestellt wird, um dem Widerstand gegen Fremdenfeindlichkeit Gesichter zu geben. Ihre Gesichter.


vom 28.01.2018  „Auschwitz bleibt immer bei uns“

Mit diesem Foto beziehen Schüler des Städtischen Gymnasiums Position und beteiligen sich an der weltweiten Aktion „#weremember“.


Bewegende Worte von Ruth Frankenthal bei der Auschwitz-Gedenkveranstaltung am Städtischen Gymnasium.

„Es gibt keine Befreiung von Auschwitz. Das ist und bleibt immer bei uns“, fasste Ruth Frankenthal zum Ende ihrer bewegenden Erzählung zusammen. Die Repräsentantin der jüdischen Gemeinde in Münster sprach am Freitag im Städtischen Gymnasium bei einer Veranstaltung anlässlich des Gedenktages der Besetzung des Vernichtungslagers vor 73 Jahren.

Zunächst legten Luis Pollmüller, John Gase und Bürgermeister Dr. Alexander Berger am Denkmal vor dem Gymnasium einen Kranz nieder. Vor der Veranstaltung gab es noch das Foto zu „#weremember“ – einer weltweiten Gedenkaktion.

Ruth Frankenthal

„Kann man Erinnerung lernen?“ fragte der neue Schulleiter Meinolf Thiemann. Dies sei die Frage einer Schülerin, zitierte er. Er mahnte neue Formen der Erinnerung und des Gedenkens an. Denn ohne diese Erinnerung gäbe es weder Recht noch Demokratie oder – das sei ihm persönlich sehr wichtig – Menschenwürde. „Aber man kann sie lernen“, schloss der Schulleiter.

Bürgermeister Dr. Alexander Berger nahm Bezug auf hässliche Zwischenfälle in Münster. Von einer rechten Partei wurde dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde die Verachtung Deutschlands vorgeworfen. „Es gibt Orte im Land, an denen der Zentralrat der Juden empfiehlt, sich nicht als solche zu erkennen zu geben. Ja, wo sind wir denn?“ fragte der Bürgermeister. Er verwies auf eine gefährliche und kontinuierliche Linie des Gedankenguts der NS-Zeit, die leider bis heute reichte. „Ich wünsche mir gegen alle Formen des Antisemitismus eine stärkere Reaktion der Öffentlichkeit“, machte Berger klar.

Hannah Maga

Schüler erzählten von ihren Empfindungen beim Besuch des Vernichtungslagers. Für Hannah Maga war der Berg von Schuhen ein einprägsames Bild. „Wer waren die Menschen, denen diese Schuhe einst gehörten?“ frage die Schülerin.

„Bilder, die die Schüler besonders beeindruckten, regten sie abends zum Sprechen oder auch nur zum entsetzten Stammeln an“, gab Lehrer Tobias Meemann an. Er begleitet die Schüler auf der jährlichen Fahrt. Die wurde von seinem Kollegen Friederich Löper vor über zehn Jahren aufgenommen und ist heute fest in der Erinnerungsarbeit der Schule verankert.

Schüler gedenken am Städtischen Gymnasium.

Löper – er geht in den Ruhestand – stellte Ruth Frankenthal vor. Sie war Jugendschöffin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. „Ich trage es für meine Eltern, die so viel zu leiden hatten“ ist ihr Kommentar zu der Auszeichnung. Sie ist Überlebende der zweiten Generation. Geboren 1948, erlebte sie nicht den Schrecken der Konzentrationslager. Wohl aber die Traumata ihrer Umgebung. Zwar überlebten ihre Eltern in verschiedenen Lagern. „Doch verlor mein Vater 33 Verwandte“, berichtete die Wahlmünsteranerin. Auch erzählte sie von ihren Pro­blemen, sich auf diesen Tag vorzubereiten. „Leider habe ich eine totale Schreibblockade, wenn es um meine Familiengeschichten geht“, räumte Ruth Frankenthal ein. So las sie aus einem vor Jahren gefertigten Interview, das mit ihr geführt worden war, vor. Darin schilderte sie ihr Unverständnis über die Bruchstücke, die sie von den damals Erwachsenen und Überlebenden aufnahm. „Erst als 1977 der Film ‚Holocaust‘ im Fernsehen lief, brachen manche Dämme“, führte die ehemalige Lehrerin aus. So auch bei ihrem Vater, der zuvor nie über diese schreckliche Zeit gesprochen habe. Danach und lange Zeit später noch traf er sich regelmäßig mit einem Therapeuten.

Ruth Frankenthal erzählte, wie sie als kleines Mädchen von der Nachbarsfamilie – sie hatten ihre eigene Tochter verloren – als Ersatztochter vereinnahmt wurde. So beschrieb sie die langen Schatten, die ein Dutzend schlimmer Jahre über Generationen wirft: „Und darum wird es keine Befreiung von Auschwitz geben.“

Von Peter Schniederjürgen (Text und Fotos)