Städtisches Gymnasium Ahlen

Schule im Herzen der Stadt

Auschwitz-Gedenken

vom 28.01.2018

„Auschwitz bleibt immer bei uns“

Mit diesem Foto beziehen Schüler des Städtischen Gymnasiums Position und beteiligen sich an der weltweiten Aktion „#weremember“.


Bewegende Worte von Ruth Frankenthal bei der Auschwitz-Gedenkveranstaltung am Städtischen Gymnasium.

„Es gibt keine Befreiung von Auschwitz. Das ist und bleibt immer bei uns“, fasste Ruth Frankenthal zum Ende ihrer bewegenden Erzählung zusammen. Die Repräsentantin der jüdischen Gemeinde in Münster sprach am Freitag im Städtischen Gymnasium bei einer Veranstaltung anlässlich des Gedenktages der Besetzung des Vernichtungslagers vor 73 Jahren.

Zunächst legten Luis Pollmüller, John Gase und Bürgermeister Dr. Alexander Berger am Denkmal vor dem Gymnasium einen Kranz nieder. Vor der Veranstaltung gab es noch das Foto zu „#weremember“ – einer weltweiten Gedenkaktion.

Ruth Frankenthal

„Kann man Erinnerung lernen?“ fragte der neue Schulleiter Meinolf Thiemann. Dies sei die Frage einer Schülerin, zitierte er. Er mahnte neue Formen der Erinnerung und des Gedenkens an. Denn ohne diese Erinnerung gäbe es weder Recht noch Demokratie oder – das sei ihm persönlich sehr wichtig – Menschenwürde. „Aber man kann sie lernen“, schloss der Schulleiter.

Bürgermeister Dr. Alexander Berger nahm Bezug auf hässliche Zwischenfälle in Münster. Von einer rechten Partei wurde dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde die Verachtung Deutschlands vorgeworfen. „Es gibt Orte im Land, an denen der Zentralrat der Juden empfiehlt, sich nicht als solche zu erkennen zu geben. Ja, wo sind wir denn?“ fragte der Bürgermeister. Er verwies auf eine gefährliche und kontinuierliche Linie des Gedankenguts der NS-Zeit, die leider bis heute reichte. „Ich wünsche mir gegen alle Formen des Antisemitismus eine stärkere Reaktion der Öffentlichkeit“, machte Berger klar.

Hannah Maga

Schüler erzählten von ihren Empfindungen beim Besuch des Vernichtungslagers. Für Hannah Maga war der Berg von Schuhen ein einprägsames Bild. „Wer waren die Menschen, denen diese Schuhe einst gehörten?“ frage die Schülerin.

„Bilder, die die Schüler besonders beeindruckten, regten sie abends zum Sprechen oder auch nur zum entsetzten Stammeln an“, gab Lehrer Tobias Meemann an. Er begleitet die Schüler auf der jährlichen Fahrt. Die wurde von seinem Kollegen Friederich Löper vor über zehn Jahren aufgenommen und ist heute fest in der Erinnerungsarbeit der Schule verankert.

Schüler gedenken am Städtischen Gymnasium.

Löper – er geht in den Ruhestand – stellte Ruth Frankenthal vor. Sie war Jugendschöffin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. „Ich trage es für meine Eltern, die so viel zu leiden hatten“ ist ihr Kommentar zu der Auszeichnung. Sie ist Überlebende der zweiten Generation. Geboren 1948, erlebte sie nicht den Schrecken der Konzentrationslager. Wohl aber die Traumata ihrer Umgebung. Zwar überlebten ihre Eltern in verschiedenen Lagern. „Doch verlor mein Vater 33 Verwandte“, berichtete die Wahlmünsteranerin. Auch erzählte sie von ihren Pro­blemen, sich auf diesen Tag vorzubereiten. „Leider habe ich eine totale Schreibblockade, wenn es um meine Familiengeschichten geht“, räumte Ruth Frankenthal ein. So las sie aus einem vor Jahren gefertigten Interview, das mit ihr geführt worden war, vor. Darin schilderte sie ihr Unverständnis über die Bruchstücke, die sie von den damals Erwachsenen und Überlebenden aufnahm. „Erst als 1977 der Film ‚Holocaust‘ im Fernsehen lief, brachen manche Dämme“, führte die ehemalige Lehrerin aus. So auch bei ihrem Vater, der zuvor nie über diese schreckliche Zeit gesprochen habe. Danach und lange Zeit später noch traf er sich regelmäßig mit einem Therapeuten.

Ruth Frankenthal erzählte, wie sie als kleines Mädchen von der Nachbarsfamilie – sie hatten ihre eigene Tochter verloren – als Ersatztochter vereinnahmt wurde. So beschrieb sie die langen Schatten, die ein Dutzend schlimmer Jahre über Generationen wirft: „Und darum wird es keine Befreiung von Auschwitz geben.“

Von Peter Schniederjürgen (Text und Fotos)